Bertelsmann-Studie: Qualitätsausbau und Beitragsfreiheit kosten jährlich 15 Mrd. Euro zusätzlich

kinder kosten kita geld kinderbetreuung

Kita-Beiträge belasten laut einer neuen Elternbefragung vor allem arme Haushalte überproportional. Dennoch wäre eine Mehrheit aller Eltern bereit, noch höhere Kosten für Kitas in Kauf zu nehmen, sofern sich die Qualität verbessert. Eine politisch gewünschte Beitragsfreiheit würde nach neuesten Schätzungen pro Jahr bundesweit 7,3 Mrd. Euro benötigen und den Qualitätsausbau ausbremsen, lauten die wesentlichen Ergebnisse der Studie „ElternZOOM“, die von infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurde. Die Bertelsmann Stiftung veröffentlicht im Ländermonitor „Frühkindliche Bildungssysteme“ jährlich Daten und Fakten zur Situation der Kindertageseinrichtungen in allen Bundesländern. Bereits zum zweiten Mal wurden nunmehr auch 10.491 Eltern befragt, deren Kind eine Kita besucht. Wie viele Eltern bezahlen aktuell einen KiTa-Beitrag? Wie hoch ist der KiTa-Beitrag, den Eltern bezahlen müssen? Wie viel müssen sie darüber hinaus für die Zusatzgebühren aufwenden?

Die zentralen Ergebnisse der Befragung:

Die finanzielle Belastung durch Kita-Beiträge ist ungerecht verteilt: Haushalte unterhalb der Armutsrisikogrenze müssen einen fast doppelt so hohen Anteil ihres Einkommens für den Kita-Beitrag ihrer Kinder aufbringen wie wohlhabendere Eltern – trotz einer vielerorts gültigen Sozialstaffel. Denn Eltern, die über weniger als 60 % eines durchschnittlichen Einkommens verfügen, zahlen monatlich durchschnittlich 118 Euro und damit zehn Prozent ihres Einkommens für den Kita-Besuch ihres Kindes; bei Eltern oberhalb der Armutsrisikogrenze sind es hingegen nur rund fünf Prozent des Einkommens, im Durchschnitt 178 Euro. Zudem gibt es erhebliche regionale Unterschiede zwischen den Bundesländern.

Zusatzbeiträge – etwa für Frühstück, Mittagessen, Ausflüge oder Bastelmaterialien – belasten ärmere Haushalte mehr als doppelt so stark als wohlhabendere Haushalte: Sie zahlen dafür 3,3 % ihres Haushaltsnettoeinkommens – wohlhabendere Familien dagegen nur 1,4 %.

Für eine vollständige Beitragsbefreiung müsste der Staat nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung jährlich rund 5,7 Mrd. Euro aufbringen, für Zusatzgebühren weitere 1,6 Mrd. Euro. Nach Analysen der Bertelsmann Stiftung sind insbesondere in 3 Bereichen Maßnahmen zum Qualitätsausbau erforderlich: Personalschlüssel, Leitungsausstattung sowie Mittagessen. Für einen kindgerechten Personalschlüssel müssen bundesweit zusätzlich 4,9 Mrd. Euro aufgewendet werden (Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme 2017). Für eine angemessene Leitungsausstattung sind weitere 1,3 Mrd. Euro (Qualitätsausbau in KiTas 2017) sowie für ein kostenfreies Mittagessen für alle Kinder jährlich zusätzlich 1,8 Mrd. Euro erforderlich (Is(s) KiTa gut? 2014). Demnach entstehen für den Qualitätsausbau jährlich mindestens zusätzliche Kosten in Höhe von 8 Mrd. Euro. Auf der Grundlage dieser Berechnungen kosten eine komplette Beitragsfreiheit für den KiTa-Besuch sowie die benannten Maßnahmen für den Qualitätsausbau jährlich insgesamt 15,3 Mrd. Euro. Demgegenüber stehen für die gesamte Legislaturperiode insgesamt 3,5 Mrd. Euro, die der Bund nach dem Koalitionsvertrag zusätzlich für die Finanzierung der Kindertagesbetreuung bereitstellen will. Dem politischen Versprechen der Beitragsfreiheit fehlt die finanzielle Substanz. Wenn Beiträge für alle Eltern entfallen, könnte die Kita-Qualität auf der Strecke bleiben.

Für Eltern steht Qualität vor Beitragsfreiheit. Trotz der Belastung durch Kita-Beiträge und Zusatzgebühren wäre – unabhängig vom Einkommen – die Mehrheit der Eltern bereit, für eine bessere Qualität noch höhere Kita-Beiträge zu bezahlen: 59 % der Eltern oberhalb, aber auch 53 % der Eltern unterhalb der Armutsrisikogrenze würden für mehr Personal und bessere Ausstattung auch höhere Beiträge akzeptieren. Allerdings wird bei den Eltern mit höheren Einkommen eine differenziertere Staffelung für erforderlich gehalten. Damit die regionalen Unterschiede nicht fortbestehen, wird eine bundesweit einheitliche Regelung präferiert.

Erst die Qualität und dann die Beitragsfreiheit. Mit Blick auf die enormen Herausforderungen im Kita-Bereich rät die Bertelsmann Stiftung davon ab, die Beitragsfreiheit für alle Eltern zu überstürzen: Bundesweit fehlen Erzieherinnen, und die Betreuungsschlüssel stimmen in vielen Kitas nicht. Jetzt alle Eltern zu entlasten, würde den politischen Handlungsspielraum für den Qualitätsausbau unnötig verengen.

 

Anmerkung des Deutschen Städte- und Gemeindebundes:

Ausbau und Qualitätsverbesserungen sind wichtiger als Beitragsfreiheit. Nach wie vor hat der Ausbau der Kindertagesbetreuung in den Städten und Gemeinden Priorität vor vielen anderen Aufgaben. Zurzeit besuchen bundesweit 763.000 Kinder unter drei Jahre eine Kindertageseinrichtung oder die Kindertagespflege. Schon jetzt belaufen sich die Kosten, die zu 75 % von den Kommunen und im Übrigen von den Ländern getragen werden, auf 26,9 Mrd. Euro. Trotz dieses Kraftaktes ist der Bedarf bei weitem noch nicht gedeckt. Nach aktuellen Erhebungen werden in Deutschland bis 2025 bis zu 308.000 weitere Krippen-Plätze, rund 396.000 weitere Kita-Plätze und weitere 492.000 Plätze für Grundschulkinder benötigt. Diese enorme Herausforderung zeigt, dass die Anstrengungen darauf konzentriert werden müssen, den Ausbau voranzutreiben, die Qualität zu verbessern und dafür zu werben, dass mehr junge Menschen die Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher aufnehmen. Nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung würde die politisch propagierte Beitragsfreiheit 7,3 Mrd. Euro pro Jahr kosten. Mittel, die für den dringend benötigten Qualitätsausbau fehlen würden. Das ist nicht hinnehmbar. Deshalb sollte die Familienpolitik die wünschenswerte Beitragsfreiheit nicht so deutlich in den Vordergrund stellen. Für Eltern steht die Qualität auch eindeutig vor der Beitragsfreiheit. Es ist erfreulich, dass die Befragung die Position des DStGB stützt, wonach über die Hälfte der Eltern bereit ist, auf eine Beitragsfreiheit zu verzichten oder sogar bereit ist, für mehr Qualität auch mehr zu bezahlen. Da die Elternbeiträge in fast allen Städten und Gemeinden sozial gestaffelt sind, ist es auch nicht unzumutbar, hier einen Beitrag für eine gute Betreuung der Kinder von den Eltern zu erwarten. Dies gilt umso mehr, da die bisher vom Bund in Aussicht gestellten 3,5 Mrd. Euro, die den Ländern und den Kommunen bis zum Jahre 2021 zur Verfügung gestellt werden sollen, nicht annähernd ausreichend sind, um die Aufgaben zu bewältigen. Wenn der Bund qualitativ hochwertige, kostenfreie Kitas verspricht, so muss er sein finanzielles Engagement deutlich erhöhen.