Coronavirus-Pandemie: wirksame Regeln für Herbst und Winter aufstellen
Die National Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat am 23.09.2020 ihre sechste Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie mit dem Titel „Coronavirus-Pandemie: wirksame Regeln für Herbst und Winter aufstellen“ veröffentlicht. Hierüber hatte die Landesgeschäftsstelle bereits mit dem Corona-Rundschreiben vom 30.09.2020 berichtet. Die Stellungnahme ist im Internet abrufbar unter www.leopoldina.org/coronavirus.
Nachstehend drucken wir eine Kurzfassung der Stellungnahme ab:
Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 steigt seit Ende Juli in Deutschland wieder an. Noch deutlicher zeigt sich diese Entwicklung in anderen europäischen Ländern (z. B. Frankreich, Spanien, Niederlande, Österreich) oder in Israel, wo die Zahlen teilweise schon jetzt über dem Stand von Ende März 2020 liegen. Um der Gefahr einer auch in Deutschland wieder schwerer zu kontrollierenden Entwicklung der Pandemie rechtzeitig zu begegnen, ist es dringend notwendig, dass sich die Verantwortlichen in Bund und Ländern rasch auf bundesweit verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln für das Inkrafttreten von Vorsorgemaßnahmen einigen und diese konsequenter als bisher um- und durchsetzen.
Die Herausforderung, die Pandemie unter Kontrolle zu halten, wird zudem größer in Anbetracht sinkender Temperaturen, der Verlagerung von Gruppenaktivitäten in Innenräume, der anstehenden Herbst- und Weihnachtsferien sowie vermehrter sozialer Aktivitäten in der Advents- und Weihnachtszeit. Mit der beginnenden Erkältungs- und Influenzasaison wird das Gesundheitssystem stärker beansprucht; zudem wird sich häufiger das Problem stellen, Infektionen mit SARS-CoV-2 von symptomähnlichen Erkrankungen zu unterscheiden. Ein wirksamer Impfstoff wird auch nach optimistischer Einschätzung nicht vor dem Frühjahr 2021 in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen und könnte erst dann sukzessive nach einem noch festzulegenden Verteilungsplan flächendeckend zum Einsatz kommen. Auch die Wirksamkeit medikamentöser Therapien ist bisher begrenzt.
Ziel der Vorsorgemaßnahmen sollte es sein, das öffentliche und wirtschaftliche Leben in den kommenden Monaten so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Bei allen anstehenden politischen Entscheidungen wird es noch wichtiger sein als bisher, ihre ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen, aber auch die Folgen für das Gesundheitssystem, bestmöglich zu klären und abzuwägen, sie transparent zu kommunizieren und gut zu begründen sowie bestehende Grenzen des Wissens über die Pandemie und Unsicherheiten in der Einschätzung ihrer Entwicklung klar zu benennen.
Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina:
1. Schutzmaßnahmen konsequent einhalten:
Das Einhalten der bekannten Schutzmaßnahmen, vor allem der AHA-Regeln (Abstandhalten, Hygiene, Alltagsmaske/Mund-Nasen-Schutz), und ein regelmäßiger Luftaustausch (ggf. unterstützt durch Hochleistungsluftfiltersysteme) in Räumen sind nach wie vor die wichtigsten, effektivsten, einfachsten und kostengünstigsten Mittel, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten. Mit Blick auf eine mögliche angespannte Situation im Herbst und Winter sollten bundesweit einheitliche Regeln und Eskalationsstufen für Schutzmaßnahmen definiert werden, die je nach regionalem Infektionsgeschehen greifen. Sie müssen regelmäßig überprüft und ggf. angepasst werden. Von zentraler Bedeutung ist das verbindliche Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in allen Innenräumen, falls Mindestabstand und häufiger Luftaustausch nicht gewährleistet sind - gerade auch vor dem Hintergrund vieler asymptomatischer, aber infektiöser Personen. Bei allen Schutzmaßnahmen gilt es, differenzierter als bislang die Rechte Betroffener, beispielsweise in Pflegeeinrichtungen, zu wahren und ihre sozialen Bedürfnisse angemessen zu berücksichtigen.
2. Schnell und gezielt testen, Quarantäne- und Isolationszeiten verkürzen:
Zur Kontrolle des Infektionsgeschehens sind weiterhin wichtig: 1. der gezielte Einsatz von Testungen in Abhängigkeit vom jeweiligen Infektionsrisiko; 2. die Festlegung von Teststrategien, die besonders schutzbedürftige Gruppen priorisieren; 3. Digitalisierungsmaßnahmen, die die Zeit zwischen Test und Ergebniskommunikation verkürzen; 4. die Bereitstellung von validierten, zeitsparenden, laborunabhängigen und damit dezentral durchführbaren Testverfahren, um u. a. schneller zwischen einer SARS-CoV-2-Infektion und symptomähnlichen Erkrankungen wie Influenza zu unterscheiden. Antigen-Schnelltests könnten trotz einer im Vergleich zur PCR geringeren Spezifität und Sensitivität den Nachweis einer Infektiosität erbringen. Zugang, Anwendung und die Konsequenzen eines positiven Testergebnisses müssten im Verordnungswege geregelt werden, insbesondere mit Blick auf die Umsetzung der Meldepflicht. Wichtig sind leicht zugängliche, verständliche und verlässliche Abläufe für Testung, Ergebnismitteilung und Interpretation. Um negative Auswirkungen für Einzelne, Familienangehörige sowie Wirtschaft und Gesellschaft zu reduzieren, könnte die Isolationszeit nach Symptombeginn bei nachgewiesener Erkrankung auf etwa eine Woche verkürzt werden. Labortests können zur Einschätzung der momentanen Infektiosität genutzt werden. Auch die Quarantänezeit von Personen, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt waren (Kategorie-I-Kontakte, beispielsweise Kontakt mit einer nachweislich infizierten Person oder Aufenthalt in einem Risikogebiet), ließe sich nach neueren Schätzungen von 14 auf 10 Tage reduzieren.
3. Verantwortungsvolles Verhalten erleichtern:
In den kommenden Monaten wird die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie davon abhängen, ob es gelingt, die bekannten Schutzmaßnahmen noch konsequenter als bislang umzusetzen. Um dies zu erleichtern, benötigen die Bürgerinnen und Bürger adressatenspezifisch aufbereitetes und barrierefrei zugängliches Wissen, Motivation und die Möglichkeit, sich entsprechend zu verhalten, sowie klare Regeln.Junge Erwachsene müssen dabei stärker als bisher in ihren besonderen Bedürfnissen wahrgenommen und berücksichtigt werden. Die geltenden Verhaltensregeln sollten idealerweise zu eingeübten und automatisierten Gewohnheiten werden. Gut sichtbare, motivierende und ansprechende Erinnerungen an die Verhaltensregeln im öffentlichen Raum und das Vorleben des entsprechenden Verhaltens durch Personen, die gesellschaftlich als Vorbilder wahrgenommen werden, sind gleichfalls wichtige Faktoren. Ebenso wichtig und motivationsfördernd ist die transparente Kommunikation von Grundlagen, Verfahren und Zielen politischer Entscheidungen.
4. Soziale und psychische Folgen abmildern:
Psychische Belastungen haben in der Pandemie zugenommen, mit potentiell langfristigen Folgen für die Gesundheit vieler. Daher sind Strukturen und Möglichkeiten entsprechender Hilfen notwendiger denn je, insbesondere ein deutlich vergrößertes psychotherapeutisches bzw. psychiatrisches und beratendes Angebot hinsichtlich Prävention und Therapie. Eine wichtige Präventionsmaßnahme im Sinne der Resilienz ist die Förderung körperlicher Bewegung.