Ländliche Regionen – Zahl der Vereine und Vereinsunterstützung in Deutschland
Mit der Überschrift „In ländlichen Regionen sterben die Vereine aus“ wurde in den Medien über eine Studie der „Zivilgesellschaft in Zahlen“ (ZiviZ) berichtet. Bei genauerer Betrachtung kann diese Aussage durch die Studie jedoch nicht belegt werden.
In Deutschland gibt es der Studie zufolge so viele eingetragene Vereine wie noch nie. Im Jahr 2017 waren es mehr als 600.000. Zum Vergleich: in Westdeutschland existierten zu Beginn der 1960er Jahre ca. 60.000 Vereine. Das kontinuierliche Vereinswachstum in den westdeutschen Bundesländern und Neu- sowie Wiedergründungen von Vereinen in den ostdeutschen Bundesländern nach 1990 führte 1995 zu rund 417.000 Vereinen und zu 604.000 im Jahr 2016. In den letzten 20 Jahren ist die Anzahl der jährlich neu gegründeten Vereine zurückgegangen. So wurden in den letzten Jahren nahezu 10.000 Vereine jährlich aus dem Vereinsregister gelöscht. Gleichzeitig wurden aber auch rund 14.000 Vereine neu eingetragen. So wiesen insbesondere Brandenburg, aber auch weite Teile von Schleswig-Holstein sowie ländliche Regionen in Sachsen und Sachsen-Anhalt vergleichsweise hohe Anteile gelöschter Vereine auf. Umgekehrt ist die Entwicklung in den süddeutschen Bundesländern, insbesondere in Baden-Württemberg, in einzelnen Regionen des Saarlandes, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen. Dabei halten sich in den ostdeutschen Bundesländern Neugründungen und Auflösungen eher die Waage. Lediglich in Brandenburg ist es zu einem absoluten Rückgang der Vereinszahlen gekommen, wenngleich auch hier in einem nur geringfügigen Umfang.
Die Gründe hierfür sind vielschichtig: in Regionen kämpfen besehende Vereine besonders häufig damit, neue Engagierte zu finden und an sich zu binden. Durch die zunehmenden Ganztagsangebote verknappt sich darüber hinaus für junge Menschen die Zeit, sich in Vereinen zu engagieren zumal dann, wenn der Schulort weiter entfernt vom Heimatort liegt. Darüber hinaus gibt es in den Vereinen durchaus unterschiedliche Vorstellungen zwischen älteren Vereinsmitgliedern und den Jüngeren. Darüber hinaus bezieht sich die Studie ausschließlich auf Vereine. Sie sagt nichts darüber aus, inwieweit es vor Ort bürgerschaftliches Engagement außerhalb von Vereinsstrukturen gibt. Gerade jüngere Menschen engagieren sich häufig zeitlich befristet und außerhalb von Vereinsstrukturen, zum Beispiel für den Umweltschutz aber auch im Sozialbereich. Dafür spricht insbesondere die steigende Nachfrage nach dem freiwilligen sozialen und ökologischen Jahr aber auch im Bundesfreiwilligendienst. Freiwilligensurveys belegen, dass das Engagement in individuell organisierten Gruppen zunimmt.
Viele der ehrenamtlich geführten Vereine, gerade in ländlichen Regionen, brauchen professionelle Unterstützung. Eine Engagement fördernde Infrastruktur auf kommunaler Ebene, zum Beispiel Freiwilligenagenturen, Selbsthilfekontaktstellen oder Seniorenbüros sowie Einrichtungen wie Bürgerstiftungen oder Mehrgenerationenhäuser, kann hier Unterstützung bieten. Förderung von Engagement heißt aber insbesondere, Gelegenheitsstrukturen für die Entwicklung von bürgerschaftlichem Bewusstsein und Selbstorganisation zu schaffen.
Untersuchungen bei besonders erfolgreichen Jugendorganisationen, zum Beispiel Pfadfindern, Umweltverbänden oder Sportvereinen, zeigen darüber hinaus, wie man junge Menschen für ein Engagement gewinnen kann. Ein Erfolgsgeheimnis ist, dass diese Vereine den jungen Engagierten einen authentischen und identifikationsfähigen Gesamtrahmen bieten. Damit dies gelingen kann, muss der Verein dicht an den jungen Menschen sein. Er muss wissen, wer zur Zielgruppe gehört, wo diese erreichbar sind, wie die Ansprache funktioniert und wie man die Jugendlichen aktiv einbinden kann. Selbstbestimmte und ernstzunehmende Arbeiten mit konkreten Wirkungen spielen hier eine besondere Rolle.
Mit Blick auf die Digitalisierung schlägt die Studie des ZiviZ konkret unter anderem folgende Maßnahmen vor:
- Ländliche Räume gehören ins Zentrum digitaler Förderstrategien: das von der Bundesregierung im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellte „zivilgesellschaftliche Digitalisierungsprogramm“ sowie die Digitalisierungsstrategien der Bundesländer sollten an dieser Stelle einen klaren Schwerpunkt setzen. Neben Investitionen in den Breitbandausbau und WLAN-Verfügbarkeit müssen verstärkt zivilgesellschaftliche Infrastrukturen und Engagement-Netzwerke vor Ort gefördert werden.
- Digitalisierung kann nur gelingen, wenn Kompetenzen gefördert werden: Digitale Skills sind bislang ungleich verteilt. Insbesondere zwischen den Generationen. Aus einem Mangel an „digital litteracy“ darf aber kein „digital devide“, kein kultureller Bruch im Engagement werden. Der Aufbau von Kompetenzen ist damit der wichtigste Ansatzpunkt für das Handeln von Stiftungen, Politik und engagierten Unternehmen.
- Orte der Kompetenzentwicklung fördern: Für Vereine und Initiativen braucht es systematische Beratungs- und Unterstützungsstrukturen. Kommunen, Freiwilligenagenturen sind wichtige Anlaufstellen für lokale Zivilgesellschaften. Sie sollten befähigt werden, diese Aufgabe auch im Thema Digitalisierung kompetent auszuführen.
Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass das eigentliche Vereinsleben in den meisten Fällen nicht online stattfindet.
Nicht nur bei der Digitalisierung müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen in den Blick genommen werden. So sollte es im Zeitalter der Digitalisierung möglich sein, Mitgliederversammlungen durch Videoforen abzuhalten. Pläne von Vereinen, die Digitalisierung zu nutzen, scheitern zum Teil aber auch an der zu teuren Software oder am fehlenden schnellen Internet.
Nach Erkenntnissen aus Studien scheuen Menschen auch vor der Gründung eines Vereins zurück, weil sie nicht persönlich haften wollen oder Angst vor bürokratischen Hürden haben. Insofern ist es zu begrüßen, dass eine Arbeitsgruppe der Bundesressorts prüft, wie Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement gestärkt werden können. Die Städte und Gemeinden sind nämlich auf dieses Engagement angewiesen, zum Beispiel in den Freiwilligen Feuerwehren oder im Katastrophenschutz aber auch in den Sport- und Kulturvereinen, der Nachbarschaftshilfe oder sozialen Projekten.